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Lieferantenaudit nach VDA 6.3 — Prozessaudit in der Automobilindustrie

Wenn ein OEM oder Tier-1 ankündigt, ein Prozessaudit nach VDA 6.3 durchzuführen, wird es ernst. Das Ergebnis entscheidet über Serienfreigaben, Neuvergaben und im schlimmsten Fall über den Verlust eines Auftrags. VDA 6.3 prüft nicht, ob ein Managementsystem existiert — sondern ob Ihre Prozesse tatsächlich beherrscht und stabil sind.

IQI führt Prozessaudits nach VDA 6.3 seit über 25 Jahren durch — als internes Audit, als Lieferantenaudit und als Vorbereitung auf Kundenaudits. Dieser Artikel erklärt den Standard, die sieben Prozesselemente und was die Version 2023 geändert hat.

Was ist VDA 6.3?

VDA 6.3 ist der prozessorientierte Auditstandard des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Er beschreibt, wie Produktionsprozesse bei Lieferanten systematisch bewertet werden — von der Projektplanung über die Serienfertigung bis zur Kundenbetreuung.

Aktuelle Version: VDA 6.3:2023, veröffentlicht am 01.01.2023. Neuerungen: Berücksichtigung von Software-Entwicklung, digitaler Beschaffung und Remote-Audits.

VDA 6.3 vs. IATF 16949 vs. ISO 9001 — was ist der Unterschied?

AspektISO 9001IATF 16949VDA 6.3
Was wird geprüft?ManagementsystemManagementsystem (automotiv)Prozessbeherrschung
TypZertifizierungsstandardZertifizierungsstandardAudit-Instrument (kein Zertifikat)
Wer prüft?ZertifizierungsstelleIATF-lizenzierte StelleKunde, intern oder Dienstleister
ErgebnisZertifikat (ja/nein)Zertifikat (ja/nein)Punktebewertung (0–100 %)
ScopeGesamtes QMSGesamtes QMS + AutomotiveEinzelne Prozesse / Produktlinien
KonsequenzMarktanforderungMarktzugangSerienfreigabe / Auftragsvergabe

Wichtig zu verstehen

VDA 6.3 ersetzt weder ISO 9001 noch IATF 16949. Es ergänzt sie. Ein Lieferant braucht die IATF 16949-Zertifizierung und muss Prozessaudits nach VDA 6.3 bestehen. Die Zertifizierung ist die Eintrittskarte — VDA 6.3 ist die laufende Leistungskontrolle.

Die sieben Prozesselemente P1–P7

VDA 6.3 gliedert den gesamten Wertschöpfungsprozess in sieben Elemente. P1–P4 betreffen die Projektphase (Entwicklung und Anlauf), P5–P7 die Serie:

ElementThemaWas wird geprüft?Wann relevant?
P1PotenzialanalyseManagementsystem, finanzielle Stabilität, technische Kompetenz, KapazitätNeuer Lieferant / neue Technologie
P2ProjektmanagementProjektplanung, Meilensteine, Ressourcen, RisikomanagementProjektphase
P3Planung Produkt- & ProzessentwicklungFMEA, Kontrollplan, Prüfplanung, besondere MerkmaleProjektphase
P4Realisierung Produkt- & ProzessentwicklungBemusterung (PPAP/PPF), Serienanlauf, FreigabenProjektphase → Serienanlauf
P5LieferantenmanagementBeschaffung, Lieferantenbewertung, WareneingangsprüfungSerienprozess
P6Prozessanalyse ProduktionProzessbeherrschung, SPC, Prüfmittel, Rückverfolgbarkeit, NacharbeitSerienprozess (Kernstück)
P7Kundenbetreuung & -zufriedenheitReklamationsmanagement, Liefertreue, KundenkommunikationSerienprozess

🔍 Lieferantenaudit (typisch)

Fokus auf P5–P7 (Serienprozesse). Bewertet die laufende Prozessqualität eines bestehenden Lieferanten. Anlass: regelmäßige Bewertung, Eskalation, Re-Qualifizierung.

🆕 Potenzialanalyse (P1)

Vorabprüfung bei neuen Lieferanten, neuen Technologien oder neuen Produktgruppen. Bewertet Grundvoraussetzungen bevor ein Auftrag vergeben wird.

Bewertungssystematik

PunkteBedeutungKriterium
10Vollständig erfülltAnforderung vollständig umgesetzt, nachgewiesen und wirksam
8Überwiegend erfülltGeringe Abweichungen, keine Auswirkung auf Qualität
6Teilweise erfülltDeutliche Abweichungen, Risiko für Qualität erkennbar
4UnzureichendErhebliche Abweichungen, Qualitätsrisiko hoch
0Nicht erfülltAnforderung nicht umgesetzt oder nicht nachweisbar

Gesamtergebnis und Einstufung

GesamtbewertungEinstufungKonsequenz
≥ 90 %A — QualitätsfähigSerienfreigabe ohne Einschränkung
80–89 %B — Bedingt qualitätsfähigFreigabe mit Maßnahmenplan + Re-Audit
< 80 %C — Nicht qualitätsfähigKeine Freigabe, sofortiger Maßnahmenplan erforderlich

Sternchenfragen (*) — die Degradationsregel

Bestimmte Fragen sind als Sternchenfragen markiert — sie betreffen sicherheits- oder funktionskritische Aspekte. Wird eine Sternchenfrage mit 0 oder 4 Punkten bewertet, wird das gesamte Prozesselement automatisch herabgestuft — unabhängig vom Gesamtergebnis. Eine einzige versagte Sternchenfrage kann den Unterschied zwischen A und C ausmachen.

Das Turtle-Diagramm — Methodik hinter P6

Für die Prozessanalyse in P6 (Produktion) setzt VDA 6.3 das Schildkröten-Diagramm (Turtle-Diagramm) ein. Es strukturiert die Bewertung jedes Teilprozesses in sechs Dimensionen:

👤 Personal

Qualifikation, Schulung, Verantwortlichkeiten, Vertretungsregelungen

🔧 Betriebsmittel

Maschinen, Werkzeuge, Prüfmittel, Instandhaltung, Kalibrierung

📋 Methoden

Arbeitsanweisungen, Kontrollpläne, SPC, Prüfpläne

📥 Input

Rohmaterial, Vorprodukte, Spezifikationen, Zeichnungen

📤 Output

Fertigteil, Qualitätsdaten, Messprotokolle, Kennzahlen

🌍 Umgebung

Sauberkeit, Klima, Beleuchtung, Ergonomie, Arbeitssicherheit

Was hat sich in VDA 6.3:2023 geändert?

💻 Software-Entwicklung

Neue Fragen zu Softwareprozessen und -methoden — erstmals in VDA 6.3 berücksichtigt. Relevant für Zulieferer mit Embedded Software.

🌐 Remote-Audits

Neue Regelungen für Remote- und Hybrid-Audits — Lehre aus der Pandemie. Klare Kriterien wann Remote zulässig ist und wann nicht.

⭐ Sternchenfragen neu zugeordnet

Die kritischen Sternchenfragen wurden teilweise neu verteilt und die Bewertungssystematik der Potenzialanalyse (P1) verschärft.

📊 Neues Analysis Tool

Web-basiertes Auswerte- und Dokumentationstool vom VDA QMC. Digitale Auditdurchführung mit automatischer Berechnung.

Qualifikation des Prozessauditors

StufeAnforderungenEinsatz
Interner ProzessauditorISO 19011-Qualifikation, QM-Werkzeuge, 3 Jahre Berufserfahrung (1 Jahr QM)Eigene Prozesse (1st Party)
Lieferantenauditor+ Automotive Core Tools (SPC, FMEA, APQP, PPAP, 8D), 5 Jahre ErfahrungLieferkette (2nd Party)
Zertifizierter VDA 6.3 Prozessauditor+ VDA QMC-Prüfung (Auditsimulation), registrierte ZertifikatsnummerExterner Dienstleister (Pflicht)

So bereiten Sie sich auf ein VDA 6.3-Audit vor

Checkliste: Vor dem Prozessaudit

  • FMEA aktuell? — Produkt- und Prozess-FMEA auf dem neuesten Stand, Maßnahmen umgesetzt?
  • Kontrollplan vorhanden? — Verknüpfung mit FMEA, besondere Merkmale markiert?
  • SPC-Daten verfügbar? — Prozessfähigkeit (Cpk) für kritische Merkmale nachgewiesen?
  • Prüfmittel kalibriert? — Aktuelle Kalibrierprotokolle, MSA/VDA Band 5 durchgeführt?
  • Rückverfolgbarkeit gewährleistet? — Los- und Chargenverfolgung bis zum Rohmaterial?
  • Nacharbeit dokumentiert? — Nacharbeitsanweisungen, Freigabeprozess, Kennzahlen?
  • Reklamationsmanagement aktiv? — 8D-Reports, Ursachenanalyse, Wirksamkeitsnachweise?
  • Mitarbeiter geschult? — Qualifikationsmatrix, Schulungsnachweise, Einarbeitung?
  • Internes Audit durchgeführt? — VDA 6.3 als „Generalprobe" vor dem Kundenaudit?

IQI als VDA 6.3-Auditpartner

1
Internes Prozessaudit (1st Party) — IQI führt das VDA 6.3-Audit als externer Dienstleister durch. Generalprobe vor dem Kundenaudit, unvoreingenommene Bewertung, konkreter Maßnahmenplan.
2
Lieferantenaudit (2nd Party) — IQI auditiert Ihre Lieferanten nach VDA 6.3 in Ihrem Auftrag. Quantifizierte Risikobewertung, Lieferantenentwicklung, Maßnahmenverfolgung.
3
Audit-Vorbereitung — Ihr Kunde hat ein VDA 6.3-Audit angekündigt? IQI macht die Gap-Analyse, identifiziert Schwachstellen und hilft bei der Schließung — bevor der Auditor kommt.
4
IATF 16949 + VDA 6.3 aus einer Hand — IQI berät zu IATF 16949, führt interne System- und Prozessaudits durch und begleitet bei Kundenaudits. Ein Ansprechpartner für alles Automotive.

Häufige Fragen

Ist VDA 6.3 Pflicht für Automobilzulieferer?

De facto ja. Kein deutsches Gesetz schreibt es vor, aber praktisch alle deutschen OEMs (VW, BMW, Mercedes, Stellantis) und die meisten Tier-1-Zulieferer setzen VDA 6.3-Audits als Voraussetzung für Auftragsvergaben und Serienfreigaben voraus. Ohne positives Prozessaudit kein Auftrag.

Was ist der Unterschied zur Potenzialanalyse?

Die Potenzialanalyse (P1) ist eine Vorabprüfung für neue Lieferanten oder Technologien — sie bewertet Grundvoraussetzungen. Das Prozessaudit (P2–P7) bewertet die konkrete Prozessbeherrschung in Entwicklung und Serie. P1 entscheidet ob man in die engere Wahl kommt, P2–P7 ob man den Auftrag behält.

Was bedeutet eine C-Bewertung?

Unter 80 % = nicht qualitätsfähig. Keine Serienfreigabe, sofortiger Maßnahmenplan, ggf. Liefersperre. In der Praxis bedeutet eine C-Bewertung massive Eskalation beim Kunden — der Lieferant landet auf der „Watch List" oder wird in die Lieferantenentwicklung aufgenommen.

Kann IQI auch außerhalb der Automobilindustrie VDA 6.3 einsetzen?

Ja. Die VDA 6.3-Methodik (prozessorientierte Bewertung, Turtle-Diagramm, quantitatives Scoring) funktioniert branchenübergreifend. Besonders in der Medizintechnik, Luftfahrt und im Maschinenbau setzen Unternehmen VDA 6.3 als internes Prozessaudit-Tool ein — auch ohne Automotive-Bezug.

VDA 6.3 auf einen Blick

  • DER Prozessaudit-Standard der deutschen Automobilindustrie
  • 7 Prozesselemente P1–P7 — von der Potenzialanalyse bis zur Kundenbetreuung
  • Quantitative Bewertung: 0–10 Punkte pro Frage → A/B/C-Einstufung
  • Sternchenfragen — eine versagte Frage kann das Gesamtergebnis kippen
  • Aktuelle Version 2023: Software-Entwicklung, Remote-Audits, neues Analysis Tool
  • Nicht nur Automotive: Methodik funktioniert branchenübergreifend
  • IQI-Leistung: Internes Audit, Lieferantenaudit, Audit-Vorbereitung + IATF 16949

VDA 6.3-Audit vorbereiten oder durchführen?

IQI — Prozessaudits nach VDA 6.3 seit über 25 Jahren. Automotive-Expertise aus erster Hand.

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